Presseberichte Museum 2018

Stuttgarter Zeitung vom 09.01.2018

Xocolatl – die bitter – süße Verführung
von Wolfgang Berger

Das Stadtmuseum Wendlingen widmet sich mit einer Ausstellung der Geschichte von Kakao und Schokolade. Schon der Azteken-König Montezuma schwörte auf die kleine braune Bohne. Aus dem Grundstoff lassen sich feinste Leckereien zaubern.                         
Dass Schokolade glücklich machen soll, ist hinlänglich bekannt. Deshalb ist es auch keine große Überraschung, dass im Stadtmuseum Wendlingen empfohlen wird, den Genuss von Schokolade ganz oben auf der täglichen To-do-Liste zu haben. Doch die aktuelle Ausstellung „Xocolatl – auf den Spuren der Schokolade“ liefert auch reichlich weniger bekannte Informationen, die einen staunen lassen.
Das „Getränk der Götter“ kommt aus Mittelamerika
Aus dem Grundstoff Kakao lassen sich feinste Leckereien zaubern. Foto: Ines Rudel
So hatte beispielsweise der Azteken-Herrscher Montezuma im 15. Jahrhundert einer Überlieferung spanischer Konquistadoren zufolge eine wohl besonders große Schwäche für die kleine braune Kakaobohne. Der letzte König der Azteken soll sich „täglich bis zu 50 Becher – goldene Schalen – des dunklen herben Getränkes“ einverleibt haben, heißt es im Wendlinger Ausstellungstext.

„Xocolatl“ – schon der Name deutet auf einen fernen Ursprung hin. „Bitteres Wasser“ oder „Kakaowasser“ – so die Übersetzung – kannten die Ureinwohner Mittelamerikas früh als Nahrungs- und Genussmittel. Schon die Olmeken, die circa zwischen 1500 vor bis 300 nach Christus im fruchtbaren Tiefland des Golfs von Mexiko siedelten, kannten den Kakao. Einem Mythos zufolge brachte der Gott der Winde, Quezalcoatl, den Samen der Kakaopflanze den Menschen, damit sie daraus das „Getränk der Götter“ zubereiten konnten.
Im Krieg blieb Schokolade den Soldaten vorbehalten
Der Eroberer Hernando Cortez erkannte zu Beginn des 16. Jahrhunderts als erster Europäer die Bedeutung der exotischen Frucht. Aus der Neuen Welt traten Kakao und Schokolade schließlich den Siegezug um die Welt an und erfreuten sich auch in Deutschland rasch wachsender Beliebtheit. Anfang des 20. Jahrhunderts ging der Boom der Schokoladenindustrie ungebremst weiter. „1914 gab es bereits 180 Schokoladenfabrikanten. Innerhalb weniger Jahre kam es zur Verdopplung von Kakaoanbau und Konsum“, erfährt der Besucher im Stadtmuseum Wendlingen.
Einen Einschnitt in der Versorgung bedeutete der Erste Weltkrieg. Lieferungen fielen aus, und „im Dezember 1916 wurden alle Vorräte für das Heer eingezogen“. Ähnliches wiederholte sich dann auch im Zweiten  Weltkrieg. Von 1940 an gab es keine Schokolade mehr für den privaten Konsum. „Die gesamte Produktion ging an das Militär“. Dafür stellten wie schon im Ersten Weltkrieg die Schokoladenfabriken zwangsweise erneut Grundnahrungsmittel und Ersatzstoffe her. Als dann die Amerikaner als Besatzungsmacht nach Deutschland kamen, hatten sie auch Schokolade im Gepäck. Manche Großeltern erinnern sich noch an damals, wie sie als Kinder mit glänzenden Augen ein Stück Schokolade aus den Händen eines GI empfingen.
Die Milka-Kuh Adelheid lässt grüßen
Die interessante Ausstellung zieren zahlreiche Exponate, wie beispielsweise Schokoladenhasen und Tafelschokolade bekannter Marken wie Lindt, Cailler oder Ovomaltine. Auch Adelheid – die erste Milka-Kuh – lässt grüßen. Utensilien wie Marzipanzangen, Verziergabeln, Kakaotöpfe oder Schoko-Quirle dienen als Anschauungsobjekte bei der Erklärung des Herstellungsprozesses von Schokolade.
Nicht nur geschichtliche Hintergründe bietet die Ausstellung, sie ist auch didaktisch ansprechend aufbereitet. Ein Filmbeitrag der Sendung „Willi wills wissen“ etwa erklärt Kindern die süße Welt der Schokolade altersgerecht. Und die Schau verschweigt auch nicht „die bittere Wahrheit über Schokolade“. Der Besucher erfährt, dass Millionen von Kleinbäuerinnen und –bauern oft unter menschenunwürdigen Bedingungen den Kakao für unsere Schokolade produzieren. Er lernt aber auch, wie er durch den Kauf von fair gehandelten Produkten dem entgegentreten kann.